Fix oder Flexibel

 

Die bedeutendste Erkenntnis, die Hirnforscher mit den modernsten Methoden gewonnen haben, ist die, dass unser Gehirn eine Baustelle ist.

 

Und zwar nicht nur in Kindheit und Jugend, sondern ein Leben lang. Wenn dem nicht so wäre - es wäre fatal.  Verglichen mit einem fertigen Haus, das über die Jahre in Schieflage geraten ist, hätten wir keine Möglichkeiten, es wieder so umzubauen, dass es auf einem stabilen Fundament steht.

 


Nachgewiesenermaßen wird unser Gehirn durch unser Erleben, Denken, durch die mit unserer Umwelt gemachten Erfahrungen ständig neu kreiert. Neuronenverbindungen, die wir nicht nutzen, lösen sich wieder auf. Schon als Schüler machen wir die leidvolle Erfahrung: "Use it or lose it". Die Muster des Erlebens und Verhaltens, die wir häufig aktivieren, werden als neuronale Verschaltungsmuster strukturell verankert. Man kann sagen "verkörpert". Dabei ist das Gehirn erstmal bequem, es sucht für jeden neuen Reiz zuerst nach abgespeicherten Mustern des Erlebens und ruft diese wieder auf.

 

Unbewusst wiederholen wir auf diese Weise in der Kindheit abgespeicherte und im Laufe des Lebens immer wieder verfestigte Erlebens- und Verhaltensmuster. Die Verschaltungen in unserem Gehirn verstärken sich dabei durch jede Wiederholung. Die Aussage "Ich bin halt so!" bedeutet in den Augen der Neurowissenschaftler, das sich hier durch ständige Wiederholung stabilisierte Muster immer wieder abrufen lassen.

 

Ich bin halt so - und kein Entrinnen? Doch, sagt der Neurologe: Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens können wir uns auch neu konstruieren! Wenn wir irgendeins dieser alten motorischen, sensorischen oder affektiven Muster verlassen, mit anderen Worten anders sehen, fühlen oder handeln, beginnen wir mit dem Umbau in unserem Nervensystem - und zwar auf allen Ebenen.

 

Wenn wir damit beginnen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und anders zu bewerten, wenn wir es uns gelänge, nicht immer mit den gleichen Gefühlen auf dieselben Auslöser zu reagieren oder mit einer anderen Körperhaltung durch den Tag zu gehen, dann hätte das alles enorme Auswirkungen auf unsere "Baustelle" Gehirn. Das Erstaunliche dabei ist, wieviele Areale des Gehirns bei solchen Veränderungen zusammengeschaltet werden und die Veränderung anfangen zu festigen.

 

Derjenige, der sich in eine glückliche Stimmung versetzen kann, kann sich auch an viele, mit den Augenblicken früherer Glücksgefühle verbundene Erlebnisse, Gerüche, Bilder, Töne oder sonstiges erinnern. Mit negativen Gefühlen oder depressiven Momenten gelingt das leider genauso. Die damals entstandenen Erregungsmuster bilden sich quasi in der Verschaltung von Nervenzellgruppen ab. "Cells that fire together, wire together"

 

All diese Verbindungen und Verkoppelungen auf emotionaler, physischer und kognitiver Ebene machen eine mögliche Veränderung aber auch nicht leicht. Alle übernommenen Vorstellungen, Paradigmen, Überzeugungen und Wertsysteme, unsere Haltungen und unterdrückten Gefühle, all dies steht einer Veränderung erst mal im Wege. Jeder hat sich sein ganzes Leben lang angestrengt, so zu werden, wie er meint, sein zu müssen, um anderen zu gefallen. Jede Veränderung birgt das Risiko, irgendetwas von dem hart Erarbeiteten wieder zu verlieren.

 

Oft gehen wir an einen "Umbau" erst dann, wenn der Leidensdruck groß genug geworden ist. Erst mit kleineren Notreparaturen, dann vielleicht mit größeren. Neues Lernen funktioniert nach Erkenntnissen der Hirnforscher dann am besten, wenn unsere Aufmerksamkeit hinreichend geweckt ist, möglichst viele Sinneskanäle mitarbeiten müssen, ein Nutzen sichtbar ist, Anknüpfungsmöglichkeiten bestehen, keine Überforderung stattfindet und Wiederholungen erfolgen.

 

Grundvoraussetzung ist aber vor allem eine tiefe innere Berührung, eine Erweckung des "Ichs", die notwendigen Veränderungen auch zu sehen, sich nach dem Zustand zu sehnen, den wir einmal hatten, als das "Ich" noch nicht vom Körper abgetrennt war (vgl . auch Lesetipp: "Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn" Gerald Hüther, 2012). Wir müssen uns auf die Suche machen nach dem, was unser ursprüngliches "wahres Selbst" ist, nämlich Eins zu sein, und zu Hause zu sein in unserem Körper. Die Wiederentdeckung unseres Körpers zu beginnen, bedeutet, wieder Zugang zu sich selbst zu finden. Wenn das "Ich" die Verbindung mit seinem Körper wieder zurückgewinnt, spürt der Betroffene nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auf eine reale, körperliche Art und Weise, dass er ein Rückgrat hat, dass er sich aufrichten kann und sich aufrecht im Leben bewegen kann. So, wie wir mal gestartet sind.

 

Wie hat Milton Erickson einmal gesagt: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben." Leiden kann dann der Treiber sein, zu spüren, wie sehr unser derzeitiger Zustand von unserem ursprünglichen Zustand abweicht. Die Sehnsucht nach dem Glück kommt dann aus einer Ahnung, die tief in unserem Körper und damit auch in unserem Gehirn verankert ist.

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